Vom Grundzug her Volkspoesie
Gespräch mit Oswald Egger über den Triumph der Farben und anderes

 

Am Ende Ihres jüngsten Buchs, „Triumph der Farben“, steht der Satz: „Wort für Wort ist nach und nach alles in einem Bild.“ Alles also, was sich durch Schrift und Farben ausdrücken lässt – oder was man sich ausmalen kann. Am besten nähern wir uns dem Unterfangen Schritt für Schritt. Es beginnt mit Ahnungen und Annahmen, aus denen sich die Welt herausschält, mit dem Werden der Formen. Was beginnt da: ein Tag, ein Jahr oder gleich die ganze Welt?

Die ganze Zeit, würde ich sagen, vielleicht, oder auch die Zeit ohne Zeit. Dies würde einschließen, dass Wort für Wort darin aufgehoben bleiben, geraum erscheinen. Es ist insoweit ein Buch, welches das Wort, das Wortwörtliche, was allenthalben da ist, auszumalen sucht; und dieses Treiben ist ein buntes, buntes Tun, ein Übertreiben. Was damit zu tun haben kann, dass alles, was der Fall sein kann, die Welt ausgesprochen anschaulicher macht, aber mir ungeheuer – und ich weiß sie nicht darzustellen. Am besten male ich sie mir dann unbeschreiblich aus, so, wie wenn gar nichts da wäre oder gegenständig existierte dabei, was damit zu tun hat, dass mir die Welt nicht zum Beschreiben ist.

 

Als zweiten Beginn könnte man das Kind in der Stube verstehen, es sitzt vor der „grauwack geweißten Wand“ auf der sich „Striche in verschiedenen Tiefen“ gegeneinander bewegen. Auf dieser Fläche fängt es an zu sehen.

 

Es ist wohl ein zusehendes Sehen. Es dreht sich um und um das, was gewahr ist; aber ausgemalt wird das Ungewahre davon. Diese Welt, die so Wort für Wort entsteht, kann ja gar nicht sein. Ich erinnere jetzt an Oskar Pastior, bei dem es oft um Gefangenschaft, Gefangensein geht, um Situationen, in denen Zeit aufgehoben werden muss, überwunden, um die Geschehnisse erträglich zu machen, also um tätiges Gegenwarten. Es ist ein Binnenraum, eine Welt in der Welt, in der man sich oft etwas ausmalt, innig, und an die Wand malt, leblos lebendige, buchstäbliche Teufeleien. Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Zeitform dadurch und darin ändert, durch und durch. Etymologisch gibt es eine Verbindung zwischen tempus und templum, Tempel. Man tritt in den Tempel ein, als Zeitraum oder geraume Zeit, und dadurch verändern und verwandeln sich – und mich – Tempus und Modus. Insofern gehen wir – ausmalend ein Land in sich – ein in die ganze Zeit davon. Die Welt von A bis Z, das wäre das stiebende Wimmelbild, das darin aufgeht.

 

Wimmelbild kam mir auch in den Sinn. Würde man diese Welt malen, in der sich alles in Bodennähe abspielt, die feixenden Fratzen, verzottelten Geisterchen, bärtigen Fangarme, das ganze wilde Treiben, wäre es ein Wimmelbild. Auf dem alle erdenklichen Fabelwesen vorkommen, nur keine Menschen.

 

Das ist die Charakteristik dieses Treibens, der bunte Hund des Tuns. Menschen und die Begebenheiten ihrer Handlungen würden es vermutlich stören. Vielleicht würde es sich dadurch auch erübrigen, diese Bemäntelungen festzuhalten, die Bewandtnisse schriftlich aufzusetzen, Firlefanz, denn mit Menschen wird man ja Dinge tun und schaffen, sich verstehen oder verständigen oder – Karten spielen. Ausmalen lässt sich, eigenlos, allein, wenn niemand da ist, und keiner weiß, nie wieder, dass es die Welt nicht geben kann, wenn sie am schönsten ist.

 

Sind Angst und Schrecken Teil dieser Schönheit? „Ich bin bei den Haaren und am Genick gepackt und mit dem Gesicht in den Moder immerzu gestoßen worden. Ich krümme mich zusammen wie ein getretener Regenwurm“ – solche Szenen finden sich häufig.

 

Angst und Schrecken, gewiss, und banges Grausen vor dem, was nicht gesagt ist. Aber im Grunde ist das Buch eher drollig, launisch, ein Schelm. Ich habe mich im Wegzusammenhang von Mahn-, Prahl- und Drohreden mit einem Spektrum von Übertreibungen bei Kindern, Götterhymnen und Häuptlingsriten beschäftigt, da heißt es zum Beispiel lapidar: „Ich reiß dir den Kopf ab.“ Und ein anderer fällt ins Wort: „Dann reiß ich dir die Haxen aus.“

 

Mischt sich nicht auch Unheimliches dazu, gerade für das Kind in der Stube, das merkt, alles bewegt sich. Teig zum Beispiel, er ist formbar, bildet Dellen und Wellen und kann vor allem wachsen. An einer anderen Stelle fürchtet es, in der Wand zu versinken. Aber wenn es hinausgeht, verschwindet die Angst.

 

Es gibt sehr viel Draußen, das ist schon eine Grundweltbeschreibung, und das wenige, von dem ich auszugehen trachte und taste, ist, dass die Welt nicht so ist, wie ich sie zu schildern weiß. Eine Ilias von Silben kongruiert ja nicht Wort für Wort, und diese zeigen einander nur die jeweilige dem Zuschauer immer zugewandte Seite der Tatsachen und Sachverhalte, vermutlich. Denn wenn alles so erscheint, wie ich annehme, dass es sei, kann nichts so sein, wie es ist. Die Welt ist alles, was der Fall ist, anderweitig, draußen, offenbar, ja, aber sie wirkt folglich und freundlicher, und ich denke, nichts, was ist, sollte draußen bleiben müssen und dort umgehn wie die Hunde.

 

Draußen bleibt ja in der Tat kaum etwas. In diesem Buch gibt es Beschwörungen, Zaubersprüche, Klangmagie, wilde Jagden, apokalyptische Bilder, Bezüge zur Literatur- und Ideengeschichte von Lukrez über Petrarca bis Goethe, dazu noch die Mathematik – aber keine Handlung im engeren Sinn. Was treibt es voran?

 

Fast allen meinen Büchern liegt ein Kalender zugrunde, denn das Einzige, was immerzu passiert und sich ereignet, ist, denke ich, dass die Zeit vergeht. Im Prinzip sind diese Bücher Volkskalender, Hausbücher. Bauernkalender sind ja ein verblasster Schatten von Weisheitsliteratur. Darin steht geschrieben, oft eher implizit als offenbar, was man sich gesagt sein lassen kann: Dass die Birne, wenn sie reif ist, schon runterfallen wird, so wie der Ast nicht weit vom Stamm fällt. Und wenn einmal doch, so ist er aus demselben Holz geschnitzt. Sowas liest man nicht bei Beckett. Oder vielleicht gerade dort.
Tatsächlich interessieren mich Spielformen des Zeitvertreibs, „passatempo“, wie der Italiener sagt; „passare il tempo“, die Zeit überwinden klingt einhelliger als „Zeitvertreib“. Ich will und ich muss und ich kann die Zeit überwinden, ganz, die Zeitlichkeit aufheben, im Geraumen. Es gibt dabei auch formale Auffälligkeiten: Rapidität und Repetition, die Mirabilien der rigiden Begeisterung beispielsweise: Regel und Pensum, d. h. die Textserien sind äußerlich ähnlich und dabei gleich lang. Das hilft, sich in die Fäden des Anfangens zu verfangen und das endlose, andauernde Aufhorchen damit aufzuhören. Ich stanze gewissermaßen Portionen aus der diskreten Stetigkeit des poetischen Tuns: Manchmal in längeren Serien über Wochen, oft über den gleichen Gegenstand wechselständig von einem Gebiet zum andern überspringend: ist das Maß der Sätze voll, ist auch der Text in sich fertig. Wenn ich will, bleibt es dabei.



Den gesamten Text, erschienen in VOLLTEXT 4/2019,
schicke ich Ihnen gerne auf Anfrage.

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