Ulrike Draesner
Schwitters. Roman

1    12. Oktober 1936, Hannover, Waldhausenstraße 5

 

Das Geräusch kriecht über die in der Vormittagssonne liegende Straße heran. Er blickt zum Spiegel. Schon das geringste Brummen reißt ihn aus der Arbeit.

Ein grauer Laster fährt suchend durch die Waldhausener. Kein Firmenname, keine Aufschrift. Jeder macht Werbung, manche nicht. Er hat Logos für die Firma Pelikan entworfen, für die Stadt Hannover. Er weiß, wovon er spricht.

„Ich putz mal den Bären“, ruft er in den Flur zurück.

Er steht in der Haustür, den Eisbärenkopf unterm Arm. Im Haus hört ihn niemand, Helma ist einkaufen. Draußen hört man ihn umso besser. Putzen will er nichts. Der Bär ist ein Vorwand. Bizarr genug um abzulenken. Das Motorengeräusch ist verstummt.

Vom Eingang führen drei Stufen hinunter auf den unebenen Steinplattenweg. Vergebens versucht er, durch den buschigen Flieder die Straße entlang zu spähen. Gegenüber fegt die alte Görschen das Trottoir, dabei sieht sie ihrerseits wie ein Besen aus, stangendürr, weißer Borstenkranz obenauf. Wäre selbst in dem kleinen Döhren, gelegen vor dem nichtgroßen Hannover, in jüngster Zeit nicht so viel umgezogen worden, wäre es weniger staubig.

Am Gartentürchen pustet Kurt dem Kopf pflichtschuldig über den elfenbeinfarbenen Pelz. Der Wagen hat in der Waldhausener gehalten, ein paar Häuser weiter links. Vier Männer in Arbeitsoveralls klettern aus der Kabine. Ein fünfter, im Anzug, klingelt. Der trägt keine Möbel, der trägt die Verantwortung. Der sagt: Sie ziehen heute aus. Wussten Sie das nicht?

„Herrlicher Tag“, ruft Kurt der Görschin zu. Die Oktoberluft schwimmt von Farben. Das Licht ist dunstig. Sehr dunstig. Man sieht Silhouetten, sieht Schatten. Gesichter verschwimmen. Sie verstecken sich.

Im Sommer 1933 haben sowohl die Stadt Hannover als auch Pelikan ihn ohne Begründung entlassen. Man bedauere diesen Akt sehr, sagte man, und erlaubte dabei dem eigenen Gesicht fortzuschwimmen. Seine Arbeit sei hervorragend. Aber er müsse verstehen. Er verstand: in der großen Villa Pelikan machte man gute Stimmung nach oben. Sicher war sicher, und schade war tot.

Nun las, sägte, hämmerte und schrieb er auch vormittags auf der Plattform, die er sich in die hintere Ecke des Merz-Baus gezimmert hatte. Den Spiegel am Fenster hatte er so gedreht, dass er, wenn er an seiner Arbeit saß, die Straße sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Überrascht werden wollte er nicht.

Der Bau wuchs nur mehr nach innen. Wuchsen so nicht auch Gehirne? Das war ein Wunsch. Gehirn fehlte in diesem Land überall. Säulen und Nischen in einer Höhle in einer weiteren Höhle auf dem Rücken einer Höhle. Grotte: bald. Collage: ja, dreidimensional. Eine Skulptur, die man betreten konnte. Dynamisch, komisch, fies. Seit bald zwei Jahrzehnten arbeitete er daran. Der Bau war seine Heimstatt, sein Heiligtum, gemacht aus allem, was Mann-Mensch-Merz in die Finger fiel.

Seine irrste Idee. Seine brillanteste. Seine schönste.


https://www.randomhouse.de/Buch/Schwitters/Ulrike-Draesner/Penguin/e564136.rhd

zurück