Ulrike Draesner
doggerland.
Ein Gedicht

Doggerland:        

Ein Delta von der Größe Deutschlands, in der Mitte ein See, der Zusammenfluss von Themse und Rhein. Herz Europas, Zentrum der steinzeitlichen Welt. Aufgrund der Klimaerwärmung zum Ende der letzten Eiszeit allmählich überschwemmt, um 6500 v. Chr. von einem Tsunami getroffen, den ein massiver Landabbruch an der norwegischen Küste ausgelöst hatte, in der Folgezeit weiter überflutet. Heute eine langgestreckte Untiefe zwischen der östlichen Küste Englands und dem westlichen Meer vor Dänemark. Benannt nach einem dort gesunkenen niederländischen Fischerboot vom Typus Dogger.

 

Doggerland:        

Jagdgrund, Zuhause, jahrtausendelang, place (Ort, Heimat), lace and land, eine Ebene, plane, von Flüssen durchzogen, am wechselnden Meer, namenlos, retro, für zwei Jahrzehnte „arisch“ genannt, vergessen, umspült. Küste ist, was entsteht, wenn etwas versinkt. Sprachengestaucht, lallend, schiebend, flossen der Rhein und die Themse in eins. Der mittelsteinzeitliche Mensch: Woran erinnerte er sich, schaute worauf? Tundra und Steppe, Birke und Haselnuss, die sich erwärmende Zeit. Die Vokale zerdehnte man im Mund, in der Unzerteiltheit eines matschigen, von riesigen Farnen, Kiefern, ersten Ulmen bestandenen Waldes, sumpfig die Tieflage, Hügel Richtung nor-lys, wo niemals die Sonne erschien. Felsen, Wolken, Geschrei. Mammuts zogen in langen Reihen wollig zu Wasser, Löwen, Säbelzahnkatzen, Bären und Wölfe teilten sich hügeliges Gestrüpp, ersten Wald, von Echsen durchstreift aller Art. Die Knochen der ältesten ragten aus dem Grund, Sprungsaurier noch, und die zartesten Echsen verstanden, wie gefaltete Menschen zu hängen an scharfschneidendem Gras zwischen den Eiern von Vögeln und Geweihen, deren Spitzen man drehte zu Pfeilen und Schrauben in Höhlen, in die Schnee wehte, und prall ein paar Monde später die alle Farbe aus den Haaren ziehende Sonne. Zuhause, eine Kuhle, gebettet in die Sicherheit des Hügellandes, die glitzernden Kappen von Eis, die Gestirne der Nacht und eines der ältesten Wörter beider Sprachen: sweart, schwarz. Neben Herd, hearth, the earth. Es war die Tiefe, in die sie hineinsahen, eine Dunkelheit, die allmählich aus ihren Augen schwand. Sie kannten das Klettern auf Bäumen, fürchteten sich, als das das Land niederdrückende Eis schmolz, sie nicht wussten, was geschah mit dem eigenen Gesicht. Die Namen, die sie einander gaben, vergessen wie der Name des Grundes, dem sie ihre Knochen schenkten, die goldenen Haare der Bienen.

 

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/doggerland/Ulrike-Draesner/Penguin/e580950.rhd

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