Thomas Stangl / Anne Weber
Über gute und böse Literatur
Korrespondenz über das Schreiben

                                                                                                               19. Oktober 2014

Lieber Thomas,

warum ist gute – große – Literatur (zum Beispiel Pierre Michon) oft näher an der schlechten, misslungenen als an der soliden, perfekten, routinierten? Dieser Gedanke von Dir leuchtete mir sofort ein, jedenfalls was eine bestimmte Art von Literatur angeht (nicht bei Cervantes oder Kafka vermutlich). Bei Pierre Michon ist es so und sicher auch bei Marguerite Duras, beispielsweise, von der man, je nachdem, wie kritisch-kühl oder hingebungsbereit-weich man als Leser gerade gestimmt ist, dieselben Seiten einmal wie verzaubert, ein andermal geradezu mit gesträubten Haaren lesen kann.

Deine Frage berührt die von mir gestellte: Ob unsere sich im Laufe der Jahre verändernde Vorstellung davon, was »gut« sei, nicht etwas aussage über das Wesen der guten Literatur. Bei der Suche nach Antworten stoße ich schnell auf etwas, wofür es verschiedene Bezeichnungen gibt, sagen wir: Empfindung. Könnte es sein, dass eine eher zerebrale Literatur (Borges,Nabokov) weniger Gefahr läuft, in die Nähe »schlechter Literatur« zu geraten als Michon oder Duras? Und könnte es weiter sein, dass bei manchen Schriftstellern die Bedeutung des emotionalen Elements beim Schreiben und Lesen im Laufe der Jahre zunimmt? Wie viel Empfindung ist nun aber nötig oder erträglich, und in welcher Form und Distanz, damit wir sicher sein können, es mit guter Literatur zu tun zu haben?

Gute Literatur – Kunst überhaupt – gehe ein Wagnis ein, heißt es oft. Aber stimmt das auch? Und wenn ja, von welchem Wagnis ist die Rede? Das Wagnis, an das ich zuerst denke, ist weder das Risiko, nicht verstanden zu werden, noch eine Form von Provokation (so scheint mir, wird es mit Vorliebe aufgefasst). Ebenso wenig kann es darin bestehen, alle Buchstaben eines Buches wie in einem großen Sack durcheinanderzuschütteln, bevor man sie aufs Papier bringt. Also im rein formalen Experiment.



https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/ueber-gute-und-boese-literatur.html?lid=3

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