Susanne Gregor
Das letzte rote Jahr. Roman

Als ich Rita im Fernsehen sah, blieb mir die Luft weg. Ich war gerade von der Bibliothek nach Hause gekommen, einen Stapel Bücher in der Hand, und hatte automatisch den Fernseher eingeschaltet, dann das Fenster geöffnet. Meine Füße taten weh, den halben Tag hatte ich damit verbracht, in einem Wiener Café Touristen zu bedienen, und während ich mich bückte, um mir die Schuhe auszuziehen, hörte ich ihre Stimme, unverkennbar. Doch als ich mich aufrichtete, war sie nicht im Bild. Es war eine billige, schlecht gemachte Seifenoper über ein paar junge Leute in Berlin, die sich ständig stritten und gelegentlich ohrfeigten oder entführt wurden. Ich sah zwei junge Frauen in einer Bar über einen Mann sprechen, einen Freddy oder Ferdy, der Sinn entging mir, als ich im Hintergrund Rita entdeckte, mit einer schiefen Kurzhaarfrisur, die Fläche über ihrem linken Ohr kahl rasiert. Sie trug eine schwarze Bluse und polierte mit einem weißen Geschirrtuch ein Weinglas, bevor die Kamera eine andere Einstellung übernahm und sie aus dem Bild verschwand. Ich setzte mich langsam auf das Bett, ohne meine Winterjacke auszuziehen, und drehte lauter. Einmal kam sie noch zu Wort, als sie sich in das Gespräch der jungen Frauen mischte, mit dem Satz Das geht aufs Haus und einem halben Lächeln, bevor die Frauen ie Bar verließen und eine neue Szene in den Straßen Berlins begann. Ich blieb mit dem Bild einer erwachsenen Rita zurück und ihren mühelos auf Deutsch gesprochenen Worten: Das geht aufs Haus. Ich versuchte, sie mir wieder vorzustellen, ihr kurzes schwarzes Haar, das ihr über ein Auge fiel, die violett geschminkten Lippen, die schwarze Bluse, leicht aufgeknöpft, ihre Bewegungen so selbstverständlich wie früher, als gehöre sie immer genau dorthin, wo sie gerade war. Die Erinnerung an sie irritierte mich, wühlte etwas in mir auf, ich ärgerte mich über sie, ohne genau zu wissen, warum. Natürlich war sie im Fernsehen, dachte ich, und natürlich war ich die echte Kellnerin, während sie bloß eine spielte. Ich sah die ganze Folge zu Ende, ohne dass Rita noch einmal darin vorkam, und suchte sie dann im Internet, machte sie auf der Setliste der Seifenoper ausfindig, unter einem neuen Familiennamen: Milo, statt Horváthova. Mehr fand ich nicht. Ich rief Alan an, der wie üblich nicht abhob. Als er Tage später zurückrief, hatte ich fast vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.


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