Peter Fabjan
Ein Leben an der Seite Thomas Bernhards. Ein Rapport


Der Weg meines Bruders Thomas war ein einziges Bestreben, sich aus den beengenden Familienbanden zu befreien und sich ein Leben als Künstler zu erkämpfen.

Betrachte ich die Fotografien derer, die mein Leben geprägt haben und es heute noch tun, kann ich im Unterschied zu Thomas Bernhard keinen Druck verspüren, diese Menschen in fiktive Figuren zu verwandeln, um sie „loszuwerden“. So fehlt mir, der die Chance bekommen hat, Arzt zu werden, die Grundlage für ein Leben als Künstler. Thomas Bernhard war bei allem Distanzbedürfnis auch eine große Fähigkeit zu Empathie gegeben, bei mir war dies Berufsvoraussetzung. Das Talent zu Analyse und Abstraktion kam hinzu. Immer wieder wurde ich gedrängt, meine Erinnerungen an diese „verwunschene“ Familie, an ihre Protagonisten festzuhalten. Über sie zu sprechen oder zu schreiben macht sie dingfest, lässt sie ihre unheimliche Seite im Unbewussten zwar nicht verlieren, aber schwächer werden.

In einem Gespräch mit dem Journalisten Kurt Hofmann im Haus in Ottnang antwortete Thomas Bernhard auf die Frage, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder habe: „Na, ein brüderliches. Das ist so sporadisch, normal, und dann ist es so konträr. Eigentlich sehr angenehm. Nachdem man so verschieden ist, gibt´s keine Probleme. So ist das.“

Im lebenslangen Ringen um einen Menschen an seiner Seite, der seinen Weg begleitet, hat neben dem Großvater mütterlicherseits, dem Salzburger Dichter Johannes Capistran Freumbichler, sein „Lebensmensch“, die kinderlos gebliebene Witwe aus dem Wiener Großbürgertum Hedwig Stavianicek die größte Bedeutung. Ein von ihm geformtes Ebenbild als Bruder habe ich nicht sein können, ein Helfer in der Not schon. Eine von mir angefertigte Zeichnung aus einem Notizheft der Sechzigerjahre zeigt mich als toten Kubus mit Armen und Beinen, Thomas als einen „Wilden“, ein zu fürchtendes Wesen.

Einmal sagte er: „Ich will nicht, dass ihr beide (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Darum schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher bei mir das alles kommt.“ Dennoch kann ich vielleicht etwas zum „Woher“ beitragen, ich, der in seiner Gesellschaft immer als „der liebe Bruder“ gegolten habe und dem zuletzt die Verantwortung für sein literarisches und immobiles Erbe zugefallen ist. Er meinte, ich hätte damit eine „zweite Karriere“. Auf mein „Warum“ antwortete er: „Weil dir Geld nicht so wichtig ist.“ In diesem Sinn zu agieren ist bis heute mein Anliegen. Es war und bleibt ein Leben außerhalb der Gesellschaft.


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