Nicola Denis
Wo die Kaffeekirschen leuchten. Roman
Sie sitzt am Sekretär ihrer Tante Elsbeth und nutzt die Galgenfrist für einen ersten Gruß an die Eltern. Drei Tage später als geplant soll die Carona ablegen, ein dichter Nebelteppich breitet sich zwischen sie und die große Ferne. Seit über einer Woche sind sie nun nach dem Hochzeitsfest von ihren Familien getrennt, haben in Düsseldorf vom Lieblingsonkel und in Osnabrück von Schnee und Tannenbäumen Abschied genommen. Jede einzelne Station ihrer Flittertage, ihrer gemeinsamen Deutschlandreise von Ludwigshafen in den Norden hat sie sorgsam in sich verwahrt, die ausgelassenen Abende mit den Cousinen, den vorerst letzten rheinischen Sauerbraten, viel Kaffee und Kuchen und wenig Schlaf. Jetzt, da es fortgeht, spürt sie erst, wie fest verwurzelt sie ist, hofft, dass dieses Band zur Heimat der Zerreißprobe standhalten wird, dass es sich bis weit über den Atlantik spannen lässt. Schließlich hat sie auch das Jahr der Trennung zu ihm überstanden. Schon im vergangenen Winter war er nach Kolumbien gezogen, hatte in Tunja seine Dozentenstelle angetreten und dort ohne sie ausgeharrt, bis er vor zehn Tagen endlich – auf Freiersschwingen, dachte sie – zu ihr geflogen und in Ludwigshafen ihr Ehemann geworden war. Ganze Nachmittage hatten sie damals vor seinem ersten Abflug in ihrem Studentinnenzimmer in Wesseling diskutiert, ob er nach dem Verlobungsjahr endgültig wieder nach Deutschland zurückkommen oder lieber sie ihm folgen würde, sobald sie geheiratet hätten. Sie hatten Vor- und Nachteile abgewogen, wohlweislich mit niemandem sonst gesprochen – ihr Vater vor allem wäre alles andere als erfreut, wenn sie ihr Geigenstudium vor dem Konzertexamen abbrechen würde –, bis sie irgendwann seine Hand genommen hatte: Sie könnten noch so viele vernünftige Argumente sammeln, es laufe doch immer auf das Gleiche hinaus, sie wolle dort mit ihm zusammensein, wo es ihn hinziehe, und wenn es in Bonn als Geologe keine interessanten beruflichen Perspektiven für ihn gebe, reise sie als seine Ehefrau mit ihm auch ans andere Ende der Welt.
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