Nicola Denis
Die Tanten


Die Tanten aus Stuttgart bildeten in meiner norddeutschen Kindheit eine feste Größe. 1907, 1909, 1911 und 1917 geboren, waren die vier älteren Schwestern meines Vaters, einen Bruder gab es auch noch, sämtlich unverheiratet geblieben. So drückte sich meine Mutter aus, wenn sie meinte, bei ihren Gesprächspartnern das Verheiratetsein als Norm voraussetzen zu dürfen. In gefährlicher Nähe zu dem scherzhaft verwendeten unbemannt, blieb es ein unzutreffendes Attribut für jene Verwandten, die mir keineswegs den Eindruck vermittelten, diesem Status nachzutrauern. Noch undenkbarer wäre gewesen, sie als ehelos zu bezeichnen, da sie sich vielmehr bewusst gegen das Los der Ehe entschieden hatten und nach einem oft zitierten Ausspruch der Jüngsten, sie wolle nie im Leben Socken waschen müssen, eher etwas losgeworden oder vermieden zu haben schienen. Gänzlich unbrauchbar waren auch die in den Achtzigern, meinen Erinnerungsjahren, eingebürgerten Singles als Prädikat für die eng der romanischen Kultur verbundenen Tanten. Niemand hätte gewagt, dem selbstbestimmten Auftreten der vier Schwestern mit einer neumodischen Außenzuschreibung seine Würde zu nehmen.

Sie selbst hätten den Begriff höchstens ironisch gebraucht und, wie alle englischen Wörter, nach schwäbischer Art mit einem weichen, stimmhaften S ausgesprochen - mit spitzen Lippen gewissermaßen. Das neutrale ledig traf es schon eher und kam unter den Vokabeln, die Außenstehenden die Besonderheit meiner Tanten erläutern sollte, regelmäßig vor. Das Adjektiv, das mir als Kind wohl unbewusst am passendsten erschien, war jedoch alleinstehend. Plastisch und kompakt, sich selbst genügend. Es beschrieb genau das, was die sprichwörtliche alte Jungfer, ein Prädikat, das selbst den Böswilligsten für die vier Schwestern unpassend erschienen wäre, nicht vermochte: Jene war sitzen geblieben, meine Tanten aber standen aus eigener Kraft.



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