Nathalie Buchholz
Unser Glück.
Roman


Rekordhitze.

Endlich. Coordt hatte sie lange ersehnt. Nach einem Eiswinter und Dauerregen das ganze Frühjahr über. Die Luft war feucht und flimmerte, wenn er in die Ferne sah.

Normalerweise hätte Coordt sich freigenommen, wäre an den Starnberger See gefahren, an seine Lieblingsstelle, die er niemandem verriet, außer Franziska. Doch es gab nur diesen einen Termin für die Besichtigung der Wohnung, deren Beschreibung wie ein Sprachfertigteil für Luxusimmobilien geklungen hatte. Also fuhr er nicht an den See, sondern erst die Isar entlang, dann durch den Englischen Garten in Richtung Schweinchenbau. Unweit dahinter befand sich die Wohnung.

Einen Tag Urlaub hatte Coordt trotzdem eingereicht. Er wollte nicht hetzen müssen. Nicht bei dieser Hitze. Außerdem hielt es im Büro zurzeit sowieso niemand aus. Selbst für einfache Aufgaben wie Postfach aufräumen oder Ablage machen war es zu stickig. Eine Klimaanlage war im Gespräch. Seit einem Jahr. Es würde wieder nichts daraus werden, das hatte die Sekretärin des Chefs schon ausgeplaudert. Deshalb gab die Geschäftsleitung einmal am Tag eine Runde Eis aus. Es lag in einem Karton, der von Büro zu Büro gereicht wurde. Capri oder Domino. Mehr Auswahl gab es nicht. Er war einer der wenigen, die sich nicht bei der Geschäftsleitung über die Arbeitsbedingungen beschwert hatte. Das wusste er vom Chef persönlich. Systemkonform – hatte der beim Mittagessen zu ihm gesagt, halb im Scherz, halb im Ernst. »Du bist eine wirklich gute Partie für einen Arbeitgeber.« Das Schulterklopfen, das daraufhin folgte, hatte Coordt wehgetan.

 


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