Leta Semadeni
Amur, großer Fluss. Roman

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Über der Ebene vor ihrem Haus schwebte ein Surren, wie man es in der Nähe von Telegrafenmasten hören kann. Die bleiche Wiese war grösser als bei Tageslicht und vollkommen leer.

Schwindelerregend zu wissen, dass sich hier einst ihre Vorfahren getummelt hatten: Kinder, Erwachsene, Alte mit ihren Tieren, alle unter dem gleichen Mond und einige vielleicht auch mit dem gleichen Stein im Herzen, immer auf der Suche nach dem erlösenden Augenblick, nach dem furchterregenden Moment, der alles Weh zunichtemachte und jeden Zweifel löschte.

Wenn die Zeit nicht wäre!, dachte Olga. Wenn man sie unter der Erde zum Verschwinden bringen könnte! Der Mond mit seinem kalten Licht würde die Eintrittsnarbe eine Weile erhellen, so lange, bis nur noch ein zarter, fadendünner Strich auf der Erdkruste darauf hindeutete, dass es sie einmal gegeben hatte, die Zeit, von der sie gelegentlich beinahe verschlungen wurde.

 

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