Katharina Schaller
Unterwasserflimmern. Roman

Er liegt neben mir. Ich spüre sein Bein über meinem, seinen Arm an meinen Brustwarzen. Ich spüre seine Haut, die warm ist. Es ist heiß unter der Decke, und es ist feucht zwischen uns. Schweißtropfen haben sich auf meinem Rücken und seinem Bauch gebildet, unsere Körper kleben aneinander. Ich denke an den Saft, den ich gestern auf den blassen Linoleumfliesen verschüttet habe, und daran, wie sich die halbtrockenen Flecken auf meinen bloßen Sohlen angefühlt haben.

Dass Leo neben mir ist, ist nicht neu. Es ist auch nicht alt. Es ist gerade. Die Sonne scheint durch die Scheiben, grelle Strahlen, die das Zimmer aufheizen, und ich strample die Decke von mir, um Luft zu bekommen. Leo rührt sich kaum, und trotzdem merke ich, dass er wach geworden ist. Seine Atmung hat sich beschleunigt.

Die Wohnung ist hell. Sie ist stilvoll, würde man sagen. Man würde sagen, sie ist groß, sie ist lichtdurchflutet, sie ist auf den Punkt. Die Küchenzeile ist weiß, der Boden in Wohnzimmer und Flur ein Parkettboden, der Tisch eine Tafel. Wer daran sitzt, ist egal. Nichts hier sieht nach Wohnen aus, alles nach Besuch.

Wir stehen auf, trotten in die Küche, und ich muss lachen. Darüber, wie Leo sich krümmt, um die Tassen aus dem Schrank zu holen. Seine Haare fallen leicht abwärts mit dieser Bewegung, zum ersten Mal sehe ich ihn in dieser Position, sehe ihn anders als sonst, und es ist, als würde sich ein neuer Teil zum Rest dieses Menschen fügen.

„Wer räumt Tassen in den unteren Küchenschrank?“, frage ich.

„Wer räumt sie nach oben?“, fragt er.

„Alle, die ich kenne“, antworte ich.

„Egal“, sagt er und schenkt den Kaffee ein.

Er schmeckt. Ich denke darüber nach, ob er jemals nicht geschmeckt hat, ob ich mich an das Bittere gewöhnen habe müssen wie an den Zigarettenrauch in meinem Mund, und ich denke daran, dass ein Morgen seltsam wäre, auch dieser, ohne diese beiden Dinge. Ich nehme einen Schluck und ziehe kurz darauf an der Zigarette, abwechselnd, und blase den Rauch langsam aus meinem Mund. Es bilden sich Kreise, die weiter werden.

Leo öffnet ein Fenster und schaut mich an, er setzt sich zu mir, streicht über meine Wange, die wahrscheinlich rot geworden ist. Weil meine Backen immer rot werden, wenn die Temperatur zu hoch ist oder ich mich ertappt fühle. Er erzählt mir etwas, und ich höre nicht genau hin, aber ich spüre seine Hand. Ich mag sie, denke ich, diese Hand.

Ich rieche die Kresse, die vor mir auf dem Tisch steht, blicke auf die zarten Stängel, die aus den Wattebauschen wachsen und die so gar nicht in diese Umgebung passen. Ansonsten ist die Küche fast leer, nur die wichtigsten Dinge sind darin verstaut. Dieser Geruch wird mir in Erinnerung bleiben, denke ich. Weil ich mit Kresse keine anderen Gefühle verbinde, nur dieses Zimmer hier, nur Küchengefühle.

Leo starrt mich an, als hätte ich meinen Einsatz verpasst, als hätten wir ein Gespräch geführt und ich wäre ihm eine Antwort schuldig. Ich stiere zurück, direkt in das Glasige seiner Augen. Dann küsst er mich, und ich drehe meinen Kopf zur Seite. Ich bemerke seinen Atem auf meinem Gesicht.

„Wann sehen wir uns wieder?“, fragt er mich.


https://www.haymonverlag.at/produkt/8130/unterwasserflimmern/

zurück