Ivna Žic
Die Unversehrten


Heute: Aufwachen. Keine Bewegung.

Ich liege im Bett, ich liege auf der Couch, ein Weg in die Küche ist eine Wanderung, das Ausräumen der Spülmaschine ein Kraftakt. Ich bin genesen, aber nie mehr gesund geworden. Ich stecke fest in einem Zustand, der chronisch wird, der mich herausreisst aus dem Leben: Ich nehme nicht mehr teil. Ich verschwinde in meiner Wohnung, im Schmerz, ich spüre die Unsichtbarkeit, die Tage, die vergehen, die Nächte, in denen ich mich nicht erholen kann. Ich schaue hinaus, auf die Strasse, auf die vorbeieilenden Menschen, schaue ins Handy hinein und dadurch wieder hinaus in die Welt, scrolle, schnell, und liege reglos, leise, mit vielen Pausen, und ich frage mich: Wer bin ich jetzt? Was ist dieser neue Verlauf? Ich schaue hinaus und ich betrachte mich. Nein, ich erinnere mich. Ich erinnere mich an mich. Ich erinnere mich an Reisen, an Distanzen, an Bewegung, um mich zu spüren. Um die Zeit in die Hand zu nehmen. Um nicht zu verschwinden, lande ich in Chicago, während ich auf der Couch liege,

ich lande nur wenige Tage nach dieser kältesten Woche, arktische Luft, Raureif und über dem zugefrorenen Lake Michigan schwebt Wasserdampf, wobei in der Arktis gerade Sommer herrsche, schreiben sie in den Nachrichten, die ich 7.000 Kilometer entfernt nur wenige Tage vor dem Abflug lese, ich sehe Bilder von eingefrorenen Augenbrauen der Spaziergänger und überlege, welche Schuhe ich für ein solches Wetter einpacken sollte, arktischer Sommer über Chicago, minus 32 Grad, und während ich, anstatt Schuhe zu kaufen, Bücher einpacke und noch im letzten Moment auf das Visum warte, betrachte ich öfter die Bilder des Lake Michigan als meinen E-Mail-Eingang, denn dort, am See, beginnen mit dem einsetzenden Tauwetter nun die Eisschichten auseinanderzubrechen und statt einer grossen Eisfläche bilden sich Eisscherben, meterhohe Seestacheln, die Temperaturen steigen langsam und ich packe Schal und Mützen und dicke Socken ein, das wird reichen, denke ich und zahle für das Mietauto ein, während ich jetzt in die Couch sinke und mich erinnere, beim Scrollen an das Scrollen damals denke, der See sei so gross wie das Land meiner Herkunft, dort ein Meer und da ein See, lese ich mitten in der Nacht auf dem kleinen Bildschirm, als ich nicht wieder einschlafen kann, scrolle von Eisschollen über Augenbrauen bis zur Seebeckengrösse, ein See, so gross wie das Land meiner Herkunft, war eingefroren, ganz eingefroren, das würde diesem Land ab und an auch guttun, immer weiter weg verreise ich von ihm und trotzdem kommt es zurück, zu mir, das Land, die Herkünfte, nun über arktisches Eis und einen Vergleich für europäische Zeitungsleser, doch nicht deswegen fliege ich davon, renne, weiter, einmal hat es nicht mit Herkunft zu tun, denke ich, dachte ich damals, vor dieser Reise,




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