"Ich benutze You Tube höchstens, um Vogelstimmen zu hören"
Esther Kinsky über das Übersetzen, Schreiben und Unterrichten von Literatur


Sie kennen sicher Situationen, in denen Menschen auf Sie zukommen und sagen: „Ich habe etwas erlebt, ich habe etwas zu erzählen, ich möchte einen Roman darüber schreiben, wie fange ich das an?“ Was antworten Sie?

In meiner Erfahrung ist es so, dass die interessantesten Geschichten immer von denen kommen, die nie auf den Gedanken kämen, dass man darüber schreiben könnte. Diese Vorstellung zu sagen, ich habe was zu erzählen, wie fange ich das an, ist ja schon das Ende von allem, eigentlich. Denn wenn man nicht weiß, wie man anfangen soll, dann fängt man auch besser nicht an. Ich kenne natürlich Menschen, bei denen ich merke, dass hinter dem Schreibenwollen ein Bedürfnis steht, eine wirkliche Not. Wenn ein ernster Wunsch da ist, gebe ich immer den Rat oder versuche Menschen dorthin zu steuern, dass sie erstmal ganz von sich absehen, dass sie versuchen, an einem Punkt anzusetzen, an dem sie draußen bleiben, dass sie ihre Sprache erproben, an einem Vorfall meinetwegen, den sie als definierenden Moment empfinden in ihrem Leben, und das versuchen ohne eine Beziehung zu sich selbst herzustellen, nur die äußeren Umstände zu beschreiben. Wenn Leute meinen, sie haben eine tolle Geschichte, in der sie sich selbst darstellen wollen, dann führt das nirgendwohin.

Nun wächst aber das Angebot, das sich an genau diese Menschen richtet, ständig: Literaturinstitute, Seminare, Workshops, Einzelbetreuung, Coaching … Könnten Sie innerhalb dieses Spektrums eine Empfehlung abgeben?

Das würde mir schwerfallen. Ich habe früher immer gedacht, das kann doch gar nichts bewirken, aber ich glaube, es gibt zwei Dinge zu bedenken, das eine ist eine Gefahr, das andere eine Chance: Wenn man mal in einem Kurs ist oder auch Geld bezahlt an einen Privatbetreuer, ist man auf eine andere Art gezwungen, sich zu artikulieren. Selbst wenn Menschen wirklich schreiben wollen, es gibt tausend Ängste, die zu überwinden sind. Aber wenn man eingebunden ist in eine Struktur, zu der man sich entschlossen hat, wird man zu jedem Schritt wieder neu gedrängt. Das ist das Gute. Für mich schwer vorstellbar allerdings ist dabei dieser Stempel, den die Leiter solcher Kurse im creative writing aufdrücken. Ich weiß nicht, wieviel Freiheit es da noch gibt. Jeder kennt die Geschichten von dem ganz spezifischen Ton bestimmter Schreibschulen. Jeder Lehrer hat seine Vorstellung, was kann dann ein gemeinsamer Nenner für einen Kurs sein? Und dazu der Druck in Gestalt von Agenten, Lektoren, Fängern einer Stimme, die sich zum Erfolgston manipulieren lässt. Auch Schreibschulen stehen ja unter dem Druck, sich ökonomisch zu beweisen, in Form der Autoren mit Preisen und hohen Verkaufszahlen. Das kann doch mit der Lehre geduldiger Übung der eigenen Stimme nicht vereinbar sein. Ich glaube, dass man in der Auseinandersetzung mit einer Einzelperson eher was erreichen kann, dass man leise geführt wird, gesagt bekommt: Versuch das mal so. Und daraus kann dann ein Dialog erwachsen. Alles Schöpferische erwächst ja aus einer Form von Dialog, von Zwiesprache. Aber wenn jemand eine ganze Gruppe führt, kann ich mir das nur so vorstellen, dass es ein Austausch, ein Gespräch ist, ein Geben und Nehmen auf allen Seiten. 

Sie haben auch Unterrichtserfahrung, allerdings war die nicht institutionell gebunden.

Ich habe die Thomas-Kling-Gastprofessur gehabt, die kann man relativ frei gestalten, und um diesem Schreibschulkontext zu entgehen, habe ich mich ganz auf Sprache und Übersetzen konzentriert. Ich finde nach wie vor, Übersetzen ist ein wunderbarer Weg, um die eigene Sprache zu finden. Es ist eine Auseinandersetzung mit Sprache, bei der man die eigene Person draußen lassen kann. Diese Auseinandersetzung ist für mich sehr wertvoll und ich glaube nach wie vor, dass es ein guter Einstieg ist und ein wunderbares Parallelgleis bleibt für Menschen, die schreiben wollen.

Sie würden es auch als Übung empfehlen?

Ja, weil es zu diesem Schritt zurück zwingt, wo man nicht von dem ausgeht, WAS man schreiben will, sondern ganz in die Auseinandersetzung mit dem WIE gezwungen ist, man muss sich ständig fragen: Was bietet die Sprache für Möglichkeiten?

In Ihrem Buch „Fremdsprechen“, das ja diesem Thema gewidmet ist, bieten Sie für den schlichten Satz „I walked to the river yesterday“ mehr als zehn Übersetzungsvarianten an: „Ich ging gestern zum/an den Fluss.  Gestern ging ich zum/an den Fluss.  Ich bin gestern zum/an den Fluss gegangen. Gestern bin ich zum/an den Fluss gegangen.  Gestern bin ich zu Fuß zum/an den Fluss gegangen.  Ich bin gestern zu Fuß zum/an den Fluss gegangen.  Gestern bin ich zum Fluss spaziert.  Ich bin gestern zum Fluss spaziert.  Ich spazierte gestern zum Fluss.  Gestern spazierte ich zum Fluss.“ Dann könnte man noch „Fluss“ durch „Strom“ ersetzen. Kaum einer käme auf die Idee, dass so viele Möglichkeiten in dem Satz stecken.

Sobald man mit einer anderen Sprache arbeitet, wird man das natürlich wissen. Das ist jetzt ein Extrembeispiel, aber es gibt zahlreiche Beispiele. Man kommt nicht darauf, wenn man liest und übersetzte Literatur konsumiert, man will im Lesen das sprachliche Kunstwerk ja als Ganzes haben und nicht zu viel über die möglichen Varianten nachdenken, aber es sollte einem klar sein, dass man in der Übersetzung immer nur eine Variante liest, eine der möglichen Varianten. Es gibt so viele Schwerpunkte, die man in diesem einen Satz setzen kann: Geht man an den Fluss, zum Fluss, wo stellt man das Attribut hin – wenn man sich über solche Dinge klar wird, hat man, würde ich aus Erfahrung sagen, mehr Distanz zur Sprache und einen besseren Überblick über die Breite der sprachlichen Möglichkeiten.

Dahinter steht ein Verständnis von Sprache, die mehr ist als nur Vehikel, das, grob formuliert, irgendwas transportieren muss, Seelenglück oder Seelenleid oder die unerhörte Begebenheit. Es geht stark um ihre Eigengesetzlichkeit, gerade durch Vergleich mit anderen Sprachen. Auch da soll das Ich zurücktreten?

Wenn ich vom Zurücktreten spreche, geht es mir darum, dass man nicht seine eigenen Zustände einbringt. Natürlich ist es immer das Ich, das sieht, das beschreibt, das über die Sprache verfügt, das den Zugang hat auf eine ganz bestimmte Art und Weise, aber ich glaube, es ist die beste Übung, nicht vom eigenen Erleben auszugehen, sondern sich nach außen zu wenden, zu sagen, das möchte ich beschreiben, das möchte ich darstellen, wie ich es sehe. Aber nicht unter Betonung meines Zustands als Betrachterin, sondern des Umstands der Betrachtung. Vielleicht könnte man auch sagen, es geht um eine Art Zwiesprache zwischen Innen und Außen. Und diese Zwiesprache muss ihre eigene Färbung haben, aus sich heraus, unkommentiert und unerklärt.


Den gesamten Text, erschienen in VOLLTEXT 1/2020, 
schicke ich Ihnen gerne auf Anfrage.


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