Dragica Rajčić Holzner
Liebe um Liebe. Roman

RÜCKKEHR INS GLÜCK

 

Wäre Mutter anders, hätte ich nie geheiratet. Wie ein Hund, von der Leine gerissen, lief ich durchs Fenster weg, hängte ich mich an Igor. Ich wollte tanzen, lieben, schreiben, ich wollte Glück ernten, ich wollte ein schönes Haus mit großen Fenstern und Licht, ohne Angst, ohne Schläge, ohne Zittern, ohne Mutter, die mich nie, nie geküsst hat.

Igor liegt auf der Herzstation im Firule-Spital, in Split. Ich fürchte, wenn ich auf diesen Fersen ins Hospital komme, wenn ich in Igors helle braune Augen, die entsetzliche Angst vor dem Tod haben müssen, blicke, wenn ich seine Finger und den Handrücken mit den kleinen Narben von den Zigaretten auf dem Bettlaken sehe, wenn ich mich neben das Bett setze, am helllichten Tag, dann wird sich zeigen, dass wir noch immer dieselben sind, keine Sekunde abgerückt von uns von damals. Was, wenn ich seine Verzweiflung aufnehme, mich sofort als Wurm fühle oder als Herrscherin des Universums? Zu beidem konnte er mich damals machen.

Ein Mann vom Nachbarhaus, auf der Leiter, mit dem Rücken zu mir, hat ein buntes Tuch um die Haare gewickelt, er streicht die Fassade weiß. Ich schweige wie ein Stein. Was sagen nach so vielen Jahren? Sicher denkt er, ich hätte Igor allein gelassen, er habe sich deswegen zerstört.  

Die Außentreppen aus Marmor sind voll schwarzer Flecken. Marmor aus Brač, einmal sehr teuer, der Kaktus ist nicht an seinem Platz neben dem Eingang, mein ganzer Stolz, sicher gut anderthalb Meter groß.

Das erste Stockwerk ist eine materialisierte Igor-Illusion. Jahrelang hielten wir uns an den Bau wie an eine Festigkeit, die auf die Normalität unserer Ehe, unseres Lebens verweisen sollte, auf ein Leben für die Wahrnehmung von außen. Gut, Igor wollte auch mir und seinem Vater beweisen, dass er es in Chicago geschafft habe, dass Vaters ganze Sammelwut nichts bringe, dass man im kapitalistischen Ausland schneller sparen könne und ein Haus ohne Kredit aufbauen. Die Träume von Igors Vater sollten sich durch Igor verwirklichen. Ein Haus, ein schönes Haus, glänzend gebaut. Weiß. Hoch. Er würde allen zeigen, was man allein schaffen kann. Zeigen. Das Geld würden wir uns vom Mund absparen, wie man so sagt, aber wir aßen genug und nahmen Kredit auf. Im Sommer bauten wir am Traumhaus. Ich war in einen Film geraten, aber es gab keinen Regisseur, kein Ende der Drehtage und -nächte. Nach der Deckenfertigstellung sollte für alle Arbeiter ein Lamm zum Mittagessen gerichtet werden, ich musste für zwanzig Menschen kochen. Den Lamm-Kopf abschneiden. Weißunterlaufene Augen starrten mich an, der blutverschmierte Kopf, eine Verletzlichkeit ging von diesem Schädel aus, große, ins Leere starrende Augen. Ich legte den Kopf in den Wäscheeimer. Wenn ich Zeit hätte, würde ich ihn kochen, wie es Großmutter gerngehabt hat: Zunge, noch lieber Hirn von jedem Tier: Kalb, Ziege, Schaf, Lamm. Ich dachte, so einen nackten Kopf müsse Igors Vater gehabt haben, im Krieg. Auch für Lamm gaben wir Dollar aus, und Igors Vater kaufte so sorgfältig ein, wie er das Geld bei seiner Magazineur-Arbeit in Kobeks verwaltete. 

Ich mache schnell die Türe zu, schiebe den Koffer zur Wand. Die Tapeten sind weggerissen, die Wand gelb gestrichen. In der Wohn-Ess-Küche auf der südlichen Seite sieht es fast unverändert aus. Die Schatten des Feigenbaums fallen auf den Balkon, die Fenster ohne Vorhänge, aber mit Holzaufhängern, dunkelbraun geölt.

Die beiden Zimmer hinter den Eingangstüren, rechts und links, sind jetzt zu einem zusammengelegt, auf einer Seite ist die Küche, auf der anderen ein flaches Liegebett. Wo jetzt der Fernseher steht, war früher der Schrank für die Kleider von Igors Mutter und Schwester mit den Mottensäcken. Der Geruch ist für immer verschwunden, die weiß gestrichenen Wände eigentlich dunkelweiß, der Plafond war höher, fast um einen Meter. Der Korridor beginnt hinter einer Türe im Rücken des Wohnzimmers, unser erstes Zimmer liegt immer noch an seinem Platz, das kleine Fenster ist vergrößert, ein weißer Plastikrahmen, der Schrank ist geblieben, das Bett am selben Platz, aber auch das ist neu. Der Olivenbaum vor dem Fenster wirft dieselben Schatten. Im gegenüberliegenden Zimmer ist alles noch immer provisorisch, zwei Schränke voll mit Sachen, die auch Igor nicht wegwerfen konnte. Wo versteckt er die Pistole und wo sind Dokumente, Parteibuch, Uhr, Fotos, die Brillen seines Vaters?

https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/liebe-um-liebe.html?lid=7

 

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