Clemens Bruno Gatzmaga
Jakob träumt nicht mehr. Roman

1.

Es ist drückend schwül, ein fetter Sumpfgrashüpfer springt mir zum dritten Mal gegen die Brust und auf dem knorrigen Ast über mir sitzt ein Rabe und macht sich über das Wenige lustig, was ich bisher über das Leben zu wissen gemeint habe. Andere machen Weltreisen, um sich selbst zu finden, meditieren oder schreiben einen Roman, krächzt er, du hingegen bis idiotisch genug, dich in einem mickrigen Waldstück zu verlaufen und bis zum Bauchnabel in einem stinkenden Moor einzusinken.

Immerhin freuen sich die Stechmücken über meine Anwesenheit. In Nullkommanichts hat sich knapp über meinem Kopf ein ganzer Schwarm eingefunden. So zielstrebig wie er mich angesteuert hat, könnte man meinen, das wäre alles von langer Hand geplant. Schon sticht es mich am linken Arm, dann am rechten; wie schön, ein Pärchen. Ich schlage um mich und beschmiere mich weiter mit Matsch, egal, die Klamotten sind ohnehin ruiniert. Es folgt ein erneuter, mittlerweile recht verzweifelter Anlauf, mich zu befreien, i ich versuche, wie ein Delfin aus dem Wasser zu springen. Fehlt nur leider die Schwanzflosse.

Mir rinnt der Schweiß von der Stirn, bauchnabelabwärts beginne ich dagegen zu frieren. Ich verfluche die Sommerhitze, das Moor und die Mücken. Verfluche jeden Baum, jeden Vogel und jeden Fisch. Verfluche die Banker, die Anzugträger, die Marketingmenschen. Aber vor allem verfluche ich: mich. Hätte ich doch meinen Agenturjob behalten, dann säße ich jetzt in einem klimatisierten Besprechungsraum, würde ein nichtssagendes Gespräch führen und müsste mir darüber hinaus keine Gedanken machen.

In absehbarer Zeit hätte man mich ins Management berufen, mir einen netten Bonus ausgezahlt und ich hätte mir endlich eine Brille mit transparentem Rahmen zugelegt. Hätte bei Präsentationen am Tischende Platz genommen und einem anderen Jungspund dabei zugeschaut, wie er an meiner Stelle Konzepte und Budgets verteidigt. Hätte noch mehr Follower gesammelt, noch mehr Ansehen genossen. Geheiratet, Kinder gezeugt, eine Eigentumswohnung gekauft. Oder ein Haus gebaut. Oder was man halt so macht als junger, privilegierter weißer Mann.


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