Anne Weber
Annette, ein Heldinnenepos


Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen.

Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf

diesen Seiten und zwar in Dieulefit, auf Deutsch

Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs.

Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie.

Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.

 

Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will,

ist sie zugleich noch ungeboren. Heute,

da sie vierundneunzig ist, kommt sie

auf diesem weißen Blatt zur Welt —

in eine undurchdringliche Leere, in die sie

lange runde Maulwurfblicke wirft und die sich

nach und nach mit Formen und mit Farben,

mit Vater Mutter Himmel Wasser Erde füllt.

Himmel und Erde sind bleibende Erscheinungen,

das Wasser aber kommt und geht, es strömt

ins trockne Bett des Flusses Arguenon, wo es

zweimal am Tag die Boote aufrichtet, die schon seit

Stunden auf der Flanke liegen. Zweimal am Tag

zieht sich's ins Meer zurück, Ärmelkanal

nennt man es hier, auch kurz La Manche, Der

Ärmel, obwohl es kein Kanal und auch kein Ärmel ist,

nichts Hohles also, eher schon ein Arm: der

Meeresarm, den der Atlantik zur

Nordsee rüberstreckt. Sachte legen sich die

Boote wieder seitlich auf den Bauch.

 

Im All des Zimmers, dem noch unbewohnten,

schwimmen vier und auch manchmal sechs

glänzende Gestirne oder Augen. Wie in der Dunkelkammer

langsam Konturen aus dem Nichts aufsteigen,

beginnen sich um die Gestirne

Gesichter abzuzeichnen. Mutter. Großmutter.

Vater. Das Kind, das Anne heißt und alle

Annette nennen (sprich Annett) bringt diese

Planeten zum Kreisen.

 

Von Annette ist Anne (die Heutige) dem Alter nach

doppelt so weit entfernt als ihre

Großmutter es damals war, aber irgendwo

erstaunlich fern und nah

gibt es noch dieses Kind. Es ist eins mit ihr,

ist nicht verkümmert und nicht tot, es schläft,

es ist noch da.


https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/annette-ein-heldinnenepos.html?lid=1

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