Anne Weber
Tal der Herrlichkeiten. Roman

1

Der Lärm der Fische?, fragte er, sein in der Mitte mit dünnem Papier umwickeltes Baguette schon in der Hand.

Ja, Goldfische machten sehr wohl Geräusche, sagte die Bäckerin. Die Lippen mehrmals hintereinander zusammenpressend und zu einer runden Öffnung aufreißend, ahmte sie das nächtliche Goldfischgeräusch nach.

Als Entschuldigung, weil sie sich im Wechselgeld geirrt hatte, und vielleicht auch, um diesen einzelnen Kunden zurückzuhalten und nicht gleich wieder allein im Laden zu bleiben, hatte sie ihm erzählt, in der letzten Nacht habe sie nicht schlafen können, sie sei vor ihrem schnarchenden Ehemann ins Wohnzimmer und aufs Sofa geflüchtet, aber auch dort habe sie wachgelegen, vom Lärm der Goldfische am Einschlafen gehindert.

Es heißt immer stumm wie ein Fisch, sagte sie, aber in der Nacht machen Fische einen Heidenkrach.

Noch einmal ließ sie den leisen Knall des sich öffnenden Fischmauls ertönen, einen dumpfen Laut zwischen p und b, und sie lachten zusammen über das Fischgesicht, das sie dabei machte, undurchdring­lich, ausdruckslos.

Wieder auf der Straße, fing er selbst an, das Fischgeräusch nachzuahmen, und er stellte fest, dass es mit befeuchteten Lippen dem Geräusch aufprallender Regentropfen, mit trockenen eher dem einer platzenden Luftblase glich. Ich muss aussehen wie ein Flugzeugpassagier, der versucht, sich von dem Druck auf den Ohren zu befreien, indem er den Mund aufreißt, dachte er – oder eben wie ein Fisch? Es war kaum jemand auf der Straße, keiner drehte sich nach ihm um.



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