Robert Prosser
Gemma Habibi. Roman

Links rechts. Simon bandagiert meine Hände, führt das schwarze Band abwechselnd ums Gelenk und zwischen den Fingern hindurch, fest genug, um Schutz zu sein für die Knochen unter der Haut. Langsam, gewissenhaft, er hält die Augen auf meine Linke, meine Rechte, ich weiß, dass in seinem Blick eine besondere Zärtlichkeit liegt. Simon tippt mir auf die Schulter und zur Antwort forme ich eine Faust. Es ist ein stummer, einzig aus Berührung bestehender Dialog. Er kontrolliert sein Werk, blickt hoch. Keine Zuneigung mehr in seinen Augen, nur Kalkül, mit diesen Augen wird er bald in der Ecke stehen. Du machst ihn fertig, kein Problem, sagt er und zieht meinen Kopf zu sich, Stirn an Stirn sagt er: Du hast Herz, Junge. Alter Boxer-Sprech, dein Herz, mein Herz, vor jedem Kampf eine Anrufung dieses besonderen Organs, Metapher für Willen oder Irrsinn, was auch immer dich gegen einen übermächtigen Gegner durchhalten lässt; eine Litanei, die in jeder Umkleide jeder Mehrzweckhalle millionenfach geflüstert oder rausposaunt wurde, vor jedem Fight, der je zwischen hier und Kapstadt oder Reykjavik stattgefunden hat. Der Raum ist erfüllt von den zischenden Atemstößen schattenboxender Gestalten. Österreichische Staatsmeisterschaft 2015, zweiter Tag. Aus dem Saal dringt Geschrei, aufgrund eines Knock-outs vielleicht, dessen Anblick das Publikum von den Plätzen gerissen hat. Alle horchen auf. Auch Simon hält inne, sagt: Christine ist gerade dran. Als ich zu boxen anfing, bläute sie mir das Wichtigste ein, mich bei einem Angriff nicht wegzudrehen, die Augen auf den Gegner zu halten und ständig eine Hand zur Deckung am Gesicht. In ihrer ruhigen Art wies sie mich auf falsch ausgeführte Haken oder schlampige Schritte hin; als ich sie erstmals bei einem Turnier sah, überraschte mich die nahezu halsbrecherische, jagende Kampfweise, die sie innerhalb der Seile zeigte. Hoffentlich bedeutet das Schreien nicht, dass sie am Boden liegt.

            Jetzt, mit bandagierten Händen, ist es definitiv, unausweichlich. Nervosität, Vorfreude, kribblige Mischung, mein Körper muss warm werden, mein Kopf kühl bleiben. Jemand fährt mir von hinten durch die Haare, es ist Z, ganz aufgeregt: Mann, Halbfinale, zeig, wie gut du bist. Z kann nicht ruhig bleiben, keine Chance, nicht jetzt, nicht, wenn er selbst unbedingt in den Ring will. Er läuft Idris entgegen, ruft: Bruder, ich wäre heiß auf die Show. Idris hat Kopfhörer auf, bekommt nichts mit. Sein Oberkörper pendelt, die Fäuste deuten Schläge an. Simon sieht Z kopfschüttelnd nach, sagt: Der ist wie ein junger Hund. Mit Fingerspitzen streicht er Vaseline über meine Stirn, Augenbrauen und Schläfen, die mit einem Tausendstel Adrenalin vermischte Salbe hilft, allfällige Blutungen zu stillen. Zweiter Tag, zweiter Auftritt. Nach der gestrigen Abwaage kam es zur Auslosung der ersten Paarungen. Mir wurde ein Salzburger zugeteilt, ähnliche Statur wie ich, kaum Unterschied im Gewicht. Bleiben wir locker, sagte er, Kohle gibt‘s keine, also warum uns die Schädel einschlagen. Übern angebotenen Fistbump hinweg erwiderte ich: Klar, machen wir so. Plumpe Finte, kaum war der Kampf freigegeben, schlug er harte Geraden, um mich mit der ersten Attacke von den Füßen zu fegen. In der nächsten Runde erwischte ihn mein rechter Haken, ich glaubte die Wucht zu spüren, die ich durch ihn jagte, mit diesem Schlag holte ich den Sieg. Die Metalltür in den Gang öffnet sich, Jubel, Klatschen, Christine bahnt sich ihren Weg, Umarmungen, anerkennendes Schulterklopfen. Knapp dahinter ihr Betreuerduo: Andi, ein vormaliger Kämpfer, und Jo, der Besitzer meines Gyms. Habt ihr sie gesehen, strahlt er uns entgegen, habt ihr gesehen, wie stark sie war? Sie löst den Knoten ihrer braunen Haare, fährt sich mit den Fingern durch die Strähnen. Der überstandene Kampf zeigt sich am linken verschwollenen Auge und dem leichten Zittern, das durch ihren Körper läuft. Simon wirft ihr ein Handtuch zu. Hör mal, wendet sich Andi an mich, der Boden ist hart, die Seile sind locker, vergiss das nicht. Ich nicke. Bei festem Grund musst du mehr Kraft für die federnden Schritte aufwenden, bei lockeren Seilen kannst du dich weit rauslehnen, hast aber kaum Spannung im Rücken. Glückwunsch, sage ich, und Christine reibt sich mit dem Handtuch übers gerötete Gesicht. Danke. Gleich bist du dran, das schaffst du. Sie tänzelt rückwärts, bis in die Haarspitzen erregt von ihrem Sieg. Bleib in Bewegung, sagt Simon zu mir, ich hole deine Handschuhe.


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