Peter Handke
Dauerausstellung Stift Griffen. Katalog
Herausgegeben von Katharina Pektor

Katharina Pektor: Griffen, Altenmarkt und Stift Griffen als Schauplatz    

Mit dem Umzug nach Graz verlässt Peter Handke seinen Kindheitsort. Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine bis heute andauernde erzählerische »Heimkehr«. Bereits sein erster Roman Die Hornissen spielt in Altenmarkt, Griffen und Stift Griffen, ohne dass diese Orte genannt werden. Nur an einer Stelle wird das Gebiet in einer litaneiartigen Aufzählung von Dorf- und Weilernamen (einige sind erfunden) großräumig abgesteckt.
 
Vielleicht hat der Tod der Mutter und das Erzählen von ihr in Wunschloses Unglück dazu beigetragen, dass Handke ab den frühen 1970er Jahren ein großes Romanprojekt mit dem Arbeitstitel »Ins tiefe Österreich« vorbereitet, in welchem er die »Heimkehr« des Helden von Amerika zu seinem Geburtsort in Österreich beschreiben will. Es handelt sich genau genommen um eine Forschungsreise mit dem Ziel, »die Feldformen der (seiner) Kindheit zu beschreiben« – Orte, Personen und Eindrücke durch Erzählen (Wiederholen) vor dem Vergessen zu retten und eine Poetik zu finden, die das ermöglicht. Ihm geht es nicht darum, die historische Realität zu rekonstruieren, sondern bezeichnende Eindrücke – Bilder, Gerüche, Geschmäcker – mithilfe der Phantasie und ihrer Erinnerungsarbeit zu bergen. Ab 1976 reist Handke regelmäßig nach Kärnten und Griffen, er beginnt für sein Romanprojekt Wahrnehmungen zu notieren. Aus dem Projekt entstehen zunächst fünf Werke – die Tetralogie Langsame Heimkehr, Die Lehre der Sainte-Victoire, Kindergeschichte und Über die Dörfer sowie die Erzählung Die Wiederholung. In den beiden letzteren ist Handke erzählerisch in seinem Herkunftsort angekommen. Später Werke – etwa Mein Jahr in der Niemandsbucht, Die morawische Nacht oder Immer noch Sturm – nehmen diese »Heimat«-Erzählung immer wieder auf. Kleinere Kindheitssplitter sind aber über das gesamte Werk verstreut. Die Veränderung der Orte im Lauf der Zeit und ihr Zurückholen durch das Erzählen zeigt etwa das Bühnenbild von Zurüstungen für die Unsterblichkeit: Ein Boot und ein Pferdekarren (beides Arbeitsgeräte des Großvaters) verschwinden zuerst, entstehen aber lange Zeit später mithilfe der Kunst neu – größer und schöner als je zuvor.   

Im Herbeiphantasieren werden Orte und Personen jedes Mal etwas anders erzählt. Das Großelternhaus wird zum Elternhaus, beide verschmelzen zu einem einzigen oder sie werden in eine andere Gegend versetzt – so wie Handke auch seine »Vorfahren« in ihrem Verhältnis zu ihm immer wieder neu arrangiert. Die Fotos in diesem Katalog ergänzen die starke literarische oder »mythologische« Wahrheit – eine reiche Variation von Geschichten um einen unbestimmten Kern – deshalb nur um eine schwache »historische« Variante. Griffen oder Altenmarkt werden meist nur als »Geburtsort«, »Heimatdorf« oder »Geburtsdorf«, als Ort im »Ursprungsland«, »Heimat [der] Vorfahren« oder »Heimatgegend« bezeichnet; in manchen Erzählungen erhalten sie die Namen Rinkenberg oder Rinkolach – beides Orte in der Nähe von Griffen; ein anderes Mal verlegt Handke den Ort von Österreich nach Ostdeutschland. Seine Erzählungen beschränken sich aber nicht nur auf den Kindheitsort, sondern umfassen die gesamte Gegend – das von der Drau durchzogene Jauntal oder »Jaunfeld« mit der Dobrowa, einer mit Kiefern und Eichen bewachsenen Almweide, der »Saualpe«, der »Petzen« und der »Karawanken-Kette, dem spitzen Hochobir und der breiten Koschuta«, die man von überall sehen kann.  

Die erzählte Kindheitslandschaft setzt sich aus verschiedenen kleinen Ortsteilen und »Wahrzeichen« zusammen: dem Großeltern- und Elternhaus; dem Obstgarten des Onkels, dem Schilfsee, der alten Landstraße mit der Bushaltestelle, einem Milchstand – es gab davon allerdings viele – oder der tiefen Sand- oder Schottergrube zwischen Landstraße und See. Erwähnt werden: das Kino, die Wagenschmiede und die vielen Gasthäuser im Ort, das Espresso, die Tropfsteinhöhle im Schlossberg oder der »Kirschbaumstamm mit den jahrzehntdicken Kinoplakaten« in der Dorfmitte von Altenmarkt.  

Ein wesentlicher Ort der erzählerischen Heimkehr Handkes ist das Stift Griffen: der Friedhof, wo sich das »Sippengrab« befindet; die Kirche mit der Altarstatue und den slowenisch beschrifteten Kreuzwegtafeln; der Stiftsobstgarten; der Kreuzgang mit den romanischen Heiligen Drei Königen; die zum Stifterwirt gehörende Kegelbahn; die Grafenbach-Schlucht hinter dem Stift; der Himbeerhang oder ein kleiner Grasfleck in Form eines Dreiecks, von drei Straßen flankiert. Solche Dreiecke findet man mehrere – eines in der Nähe des Großelternhauses in Altenmarkt, wo ein Kirschbaum (heute ein nur mehr morscher Baumstamm) und ein »Quellenhäuschen« standen, oder eines auf der Straße zum Dorf, das es mittlerweile nicht mehr gibt.  

All diese Orte entdeckt der heimkehrende Erzähler aus Die morawische Nacht schon beim Blick aus dem Flugzeugfenster. Er erkennt »den Baum in der Dorfmitte, den wohl schon abgestorbenen Kirschbaum, samt dem roh betonierten Quellhäuschen an seinem Fuß, und daneben das aufgelassene, immer noch gelbleuchtende Dorfwirtshaus und gegenüber die Mauer rund um den fremden Obstgarten, über die man nicht nur einmal geklettert war zum Apfel- und Birnenstehlen. Und da, die Scheunenwand des Großvaterhauses, des Geburtshauses, samt der in die Bretter gesägten Entlüftungsluke, in Form eines Kleeblattes, eines, versteht sich, vierblättrigen.« Er sieht den »Friedhof mit der haushohen Wehrmauer, „gegen die Türken“« und den »See, verlandet? nein, doch nicht, nicht ganz, ein Wasserauge noch offen inmitten des Schilfwalds, die Schilfhalme im schwarzen Schlamm, und dieser zwischen den Zehen frisch hervorquellend, und die Blutegel im schwarzen Schlamm.« Er fragt sich aber, ob diese Bilder nicht »eine Fata Morgana, eine Luftspiegelung in seinem Inneren, aus einer sehr fernen Zeit« darstellen. zurück