Ivna Žic
Die Nachkommende. Roman

Sie schnarcht. Die Frau unter mir schnarcht, eine ganze Nacht hat sie geschnarcht, aus ihrer Liege kippen weisse Waden, Sommermückenstiche,sie schwitzt, ich schwitze, alle Stiche aufgekratzt, an den nackten Sohlen Wundpflaster und Einschnitte von Sandalenstriemen, blaue Venen, Haarstoppel, Mundgeruch im Raum, Bitterkeit unter den Achseln.
Keine Nacht mehr.
Ich setzte mich auf, die Decke ist zu niedrig, doch langsam ist es egal, wie sich der Körper verbiegt, fast zwölf Stunden ist er schon unterwegs, wieder einmal kaum geschlafen, wieder einmal diese Fahrt, die weder aufhört noch irgendetwas auslöst, ausser die Wiederholung, ausser ihre Dauer, bekannte zwölf Stunden, wo stapeln sie sich wohl, diese immer wieder neuen fast zwölf Stunden Fahrt, irgendwo in diesem jetzt gekrümmten Körper liegen und stapeln sie sich, denk ihn weg, wisch ihn weg, und auch diese Fahrten. Hundertmal oder waren es schon fünfhundertmal oder nur sehr viele, für einen einzelnen Körper vielleicht jetzt schon zu viele, war es mal drei Mal im Jahr und dann vier Mal, dann die Jahre, in denen nur Sommer und Weihnachten möglich waren, so waren es unausweichlich und immer diese Stunden und ihre fast genaue Anzahl, die alle Verhältnisse seit jenem Tag bestimmen, als sie die Koffer nahmen, als sie die Wohnung im obersten Stock des Plattenbaus in Novi Zagreb abschlossen, als die Zweiten die Ersten wurden, die gingen, und die Mutter mich in den gelb gestreiften Rock steckte und den Bruder um den Bauch hängte und wir ins Flugzeug stiegen. Wohl gepackt, wohl vorbereitet, wohl organisiert, es warteten Wohnung, Arbeit und ein Kindergartenplatz, es wurden getauscht: die mir bekannte Strasse, das Plattenbauviertel, die Grosseltern, die Tante in der Stadt, die vielen Parks und Ausflugsziele, die Sarma und die gefüllte Paprika,  die kleinen Schokoladen mit den Tierbildern zum Sammeln, Zagreb, die  Stadt, und das Land, das damals noch ein anderes war und sich bald ändern sollte, gegen eine bestimmte Distanz und ihren neuen Wert, gegen die Erinnerung, die ab diesem Moment anders verlaufen würde, mit zweisprachigen Träumen und zeitrennenden Ferien, immer zu wenig Zeit für die vielen Verwandten, immer zu wenig Zeit für eine wahrhaftige Unterhaltung, renn, renn, renn! Ostern, Weihnachten, wieder Ostern, schon wieder Weihnachten, dazwischen und davor und meist auch danach ein schlechtes Gewissen, ein Sprachspagat, oder ein heulender Salto, inzwischen eine Kindheit an einem See weit weg davon, Anke für Butter, zuhause putar, und Grüezi, Ade, Merci, Frau Rüedi, Nadines und Stefanies und Fäbus und Pädus im Chindzgi und in der Schule, inzwischen ein Studium, noch weiter weg, mit jenem Tag beginnend, an dem die Mutter mich in den gelb-gestreiften Rock steckte und den Bruder um den Bauch hängte und wir dann ins Flugzeug stiegen. Ein kurzes Gewitter, eine verschüttete Coca-Cola und dann die Landung in Zürich, wo der Vater schon wartete, ein Foto fürs Familienalbum, darauf ist schräg hinter uns KUNFT ZÜ zu lesen, das Ende des Stadtnamens verdeckt ein grosser Kopf im Hintergrund, den Anfang der Ankunft hat die Kamera abgeschnitten, unser Nullpunkt, von dort aus wächst alles aus zwei Richtungen heraus, aus den Stunden dazwischen und jenen, die stets fehlen, entstehen irgendwo Stapel, die sich nicht mehr abtragen lassen werden.


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